Verloren in der Gobi

Es ist Freitag Mittag. Jürgen und Gerda haben wir verloren. Wir warten schon 2 Tage am vereinbarten Treffpunkt; sie hätten längst hier sein müssen, sind aber nicht gekommen. Was sollen wir tun? Wir entscheiden uns fürs Weiterfahren, eine andere Möglichkeit sehen wir nicht. Falls sie wegen einer Panne nicht hier sein sollten, können wir nicht helfen: Wir wissen ja nicht, wo sie sind und suchen können wir sie deshalb nicht. Oder haben sie sich verfahren?

Ich habe hier vorgegriffen und gehe ein paar Tage zurück. Am Montag kamen wir in Dalandzadgad an. Von Ulan Bataar aus sind es ca. 600 km, wir haben unterwegs 2 Übernachtungen benötigt. Die ersten Kilometer nach der Wegelagerei waren mehr Schlag- löcher als Teerstrasse - dshalb stellt sich auch die Frage nach dem Sinn der Mautstelle. 

Doch dann auf einmal eine gut ausgebaute Strasse, die allerdings nach wenigen Kilometern zu einer Sandpiste mit viel Wellblech und Tiefen wird. Nach da 20 weiteren Kilometern die Überraschung: die Strasse ist sehr gut ausgebaut und wir schnurren mit gut 70 - 75 Stundenkilometern gen Süden. 


Wir sind unmittelbar vor der Wüste. Die Landschaft wird immer trockener und statt grün sehen wir fast nur noch braunen Sand mit bisschen Grün dazwischen. Vereinzelt treffen wir noch auf eine Jurte und Schaf-und Ziegenherden.. Die Strasse hierher war neu ausgebaut, die Angaben auf den Navis und der Landkarte stimmten nicht mehr mit der gebauten Strasse überein, aber trotz Verunsicherung kamen wir an unser Ziel. Unterwegs sahen wir auch unsere ersten Kamele; wir sind nicht ganz sicher, ob es sich hier z.T. auch um Wildkamele, die es noch in der Mongolei geben soll, handelt. Auf jeden Fall waren auch Herden dabei, die irgendjemandem gehören müssen, da sie Halsbänder trugen.

In Dalandzadgad wurden die Tanks noch einmal aufgefüllt (Kostenpunkt fast einen Euro pro Liter (was waren wir in Russland mit ca. 65 Cent verwöhnt)) und die Vorräte ergänzt. Wir hofften auf ein bisschen Obst und Gemüse, aber da dies nicht in der Mongolei angebaut, sondern importiert werden muss und damit auch teuer ist, fanden wir davon nichts in dieser Einsamkeit, denn die mongolische Landbevölkerung kann sich dieses nicht erlauben. Dann ging es weiter, wir wollten in den Yolyn Am Canyon. Dies ist eine Gebirgserhebung mit einer Geierschlucht – ein Ziel, dass touristisch schon 'ausgeschlachtet' wird. Am Eingang des Parks durften wir Eintritt bezahlen und dann noch gut 12 km Piste zu einem Parkplatz, von wo aus die Geierschlucht nach gut 3 km Fußmarsch erreicht wird. Auf dieser Strecke sahen wir auch die ersten Yaks, es war für uns ein fantastischer Anblick.

Wir entschieden, die Nacht auf dem Parkplatz zu verbringen und am Morgen, bevor die Touristenströme kamen, die Strecke zu wandern..So hatten wir auch die Möglichkeit, die örtliche Tierwelt zu bestaunen und auf Fotos festzuhalten. Es gibt hier massenweise Pfeifhasen, Wühl- und Springmäuse, Murmeltiere, höhlenbrütende Vögel.

Am Morgen ging es dann los, die Schlucht wird von einem kleinen Bach durchflossen, der, je tiefer es geht, eine Eisschicht aufgebaut hat, die auch im Sommer nicht mehr auftaut. Wir kamen leider nicht bis zum Ende der Schlucht, da eine zu breite Eisspalte am Weiterkommen hinderte. Mit Hilfe wären wir wahrscheinlich noch weitergekommen, doch allein wollten wir nichts Unnötiges riskieren, so dass wir umdrehten. Ein bisschen enttäuscht waren wir schon, die Geier nicht zu sehen, aber die Ruhe, die Schluchtwände, einfach die ganze Stimmung zu geniessen, war das ganze schon wert.

Und auch Oskar kam auf seine Kosten. Er ist ja ein absoluter Balljunkie und hier hatten die Bälle noch alle ein Fell. Kaum sah (oder hörte) er einen Pfeiffhasen, flitzte er hinterher. Wir ließen ihn laufen, wissend, dass er sowieso kein Tier erwischt. Aber er hatte wohl auch seinen Spass. Und das kühle Wasser aus dem Bach schmeckte ihm nach dieser Hatz auch wunderbar.

Wir hatten im Reiseführer gelesen, dass es noch einen anderen, wenn auch schmalen, Ausgang aus diesem Gebirgsmassiv geben soll. So machten wir uns auf die Suche und fanden den Weg. Auf einmal sahen wir sie – die Geier. Es gibt hier 2 Sorten, den Lämmergeier und den Bartgeier. Insgesamt zählten wir 9 Vögel am Himmel, die über uns kreisten – ein herrlicher Anblick.

Wir beobachteten das ganze über eine Stunde – es war wieder einmal ein unbeschreiblicher Eindruck.

Doch auch diese Eindrücke müssen mal ein Ende nehmen und wir machten uns weiter auf den Weg zum Ausgang der Schlucht. Doch was ist das? Es soll zwar eng sein, aber der erste Eindruck war: passt nicht, zumindest nicht für unsere Autos. Kleinere Geländewagen oder der hier häufig anzutreffende russische UAZ-Bus schaffen das ohne Probleme.

Nach etwas Fachsimpeln und Augenmaßnehmen kamen Jürgen und ich mit Billigung der Frauen auf die Entscheidung: das passt. Also versuchen. Somit machte ich den Beginn. Na gut, es passte mehr oder weniger und mit einem verbogenen Einstiegstritt, verbogenem hinteren Kotflügel und damit auch fast abgerissenem hinteren Staukasten kam ich dann durch. Ich steckte auch mittlerweile so tief drin, dass es auch kaum noch ein Zurück gab und ich also durch musste. Auch der größere der beiden, sich auf dem Heckträger befindlichen Alukoffer, musste dran glauben. Ärgerlich das ganze, aber nicht mehr zu ändern

Bei Jürgens Versuch musste seine Markise dran glauben, doch er schaffte es nicht, weil 2 Felsvorsprünge zu ebener Erde das ganze zunichte machte. Sein Steyr ist in der Spur geringfügig breiter als unser MAN, ebenfalls sein Koffer, ein LAK aus der ehemaligen DDR, ist 30 cm breiter als unser, allerdings oben angeschrägt.

So musste er den Versuch schon früher abbrechen. Wir bogen die Schäden am MAN so weit zurecht, dass wir weiterfahren konnten. So mussten wir uns trennen, denn noch einmal zurück durch die Engstellen war absolut keine Möglichkeit mehr.

Wir verabredeten einen Treffpunkt bei unserem nächsten Ziel, den singenden Dünen. Ich hatte die Koordinaten schon im Vorwege von Jürgen bekommen. Jürgen entsorgte seine Markise und die beiden wollten sich auch auf den Weg machen, zurück durch das Felsmassiv über den eigentlichen Ausgang raus.

Nach wenigen hundert Metern waren wir aus dem Felsmassiv raus. Ein herrlicher Blick auf die Sanddünen der Wüste Gobi, leider getrübt durch die flimmernde Hitze und Staubfahnen aufgrund des hier andauernd herrschenden Windes.

Es waren ca. 80 km bis zum vereinbarten Treffpunkt. Das ist nicht viel, aber da es nur noch Pisten gibt (und die nicht immer auf dem Navi zu sehen sind), schafften wir es erst zu unserm Treffpunkt mit einer Übernachtung am nächste Mittag. Mittlerweile ist die Landschaft etwas grüner geworden und somit sieht man auch mehr Jurten und Viehherden. Unweit eines kleinen Dorfes stellten wir das Auto ab und waren uns sicher, dass Jürgen und Gerda spätestens am nächsten Tag auch hier sein werden

Ich begutachtete noch einmal den Schaden am Kotflügel und dem Staukasten und machte mich an die Arbeit, das ganze zu reparieren. Kaum war der Kotflügel runter, kam ein Mongole auf seinem Moped an und meinte, dass könne er ausdengeln. Gesagt, getan – ich holte in Ermangelung eines schweren Hammers mein Beil aus dem Kofferraum und er machte sich an die Arbeit. Mit dem Ergebnis waren wir sehr zufrieden. Nachdem ich ihm noch klar machte, dass die Alubox selber für mich irreparabel defekt war, wollte er diese haben und schnallte sie gleich auf sein Mopett. Wir zahlten ihm noch einen kleinen Obulus für seine Hilfe und er machte sich freudig von dannen..

Inzwischen machte ich mich an die Befestigung des Staukastens, und es dauerte nicht lange, da kam der Mongole zurück und half mir auch beim Rest der Arbeiten. Wir bekamen zwischendurch auch noch Besuch von 2 Jungen, die alles neugierig bestaunten und mit Oskar spielten.

Nach getaner Arbeit blieb der Mongole noch etwas, wir versuchten ein gemeinsames Gespräch, was aber nicht ganz einfach war. Ihm gehört eine in der Nähe grasende Schaf- und Ziegenherde und irgendwann musste er los, die Herde nach Hause treiben.

Wir blieben über Nacht und waren verwundert, dass wir nicht noch mehr Besuch aus dem kleinen Dorf bekamen. 

Unweit des Dorfes gibt es einen Hügel, mit dem man einen fantastischen Rundum- blick mit kilometerweiter Sicht geniessen kann – seht selber. Leider können die Bilder nur ein Ausschnitt sein dessen, was wir dort sehen, und bringen deshalb die Stimmung bzw. den Ausblick nicht so wieder, wie wir es in Natura erlebt haben; vielleicht könnt ihr euch aber anhand des Ausschnittes vorstellen, wie es sein kann.

Der nächste Tag hieß für uns Warten. Wir machten noch einen kleinen Abstecher in die Dünen. Sie haben hier den Namen 'Singende Dünen', weil die Sandkörner, die der Wind vor sich hertreibt, dabei einen singenden Ton abgeben sollen. Allerdings hörten wir davon nichts, trotzdem war es ein tolles Gefühl, in dem Sand zu sitzen. Auch Oskar hatte seinen Spaß, denn er liebt es, durch den Sand zu toben. Auch kann er hier besser laufen als auf den steinigen Steppen.

Wir verbrachten eine 2. Nacht an dieser Stelle und warteten auf Jürgen und Gerda. Nachts wurde der Wind teilweise so stark, dass es sich wie ein Sturm anhörte. Der Wind weht hier fast permanent von Westen, verstärkt durch beidseitig der Steppe nahe stehenden Gebirgszügen. Es gibt hier keine Möglichkeit, sich vor dem Wind zu verstecken, es ist kein Baum vorhanden. So müssen wir uns beim Suchen des Stellplatzes zumindest so stellen, dass wir die Eingangstür und auch die Fenster, die nachts offen stehen müssen, um die Hitze aus dem Auto zu bekommen, auf der Wind abgewandten Seite haben.

Jetzt ist es Freitag mittag und Jürgen und Gerda sind noch immer nicht da. Es fällt uns schwer, aber wir können nicht länger warten. Wer weiß, wo sie stecken. Internetempfang gibt es nicht, so dass wir sie auch nicht erreichen können. Ihr Weg dürfte maximal 120 – 130 km lang sein und selbst bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10 km/h müssten sie schon längst hier sein. Hinzu kommt noch, dass unsere Wasservorräte begrenzt waren.

Wir machen uns auf den Weg in der Hoffnung, sie irgendwo wieder zu treffen.

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