Auf Nebenpisten ins Nirgendwo

Die Stadt Khovd ist unser nächstes Ziel. Wir haben die Möglichkeit, über die Hauptpiste von Ulastai nach Altai (eine Nord-Süd-Verbindung) und dann weiter über Darvi nach Khovd (von Ost nach West) zu fahren. Diese Verbindung nennt sich Südroute, da sie im Süden des Landes den Osten mit dem Westen verbindet. Wie wir im Reiseführer und auch auf der Homepage von Wolfgang und Gisela gelesen hatten, ist die Strecke von Altai bis Darvi allerübelste Wellblechpiste - und davon hatten wir immer noch genug. So entschieden wir uns, über Nebenpisten, die zwar nicht schneller, aber durchaus angenehmer sind, zu fahren.  Und ich kann jetzt schon sagen: die nächsten Tage waren nicht langweilig, wir hatten viel erlebt.

Zuerst waren wir in Uliastai noch einmal einkaufen, danach ging es wieder gen Süden. Die ersten ca. 80 km mussten wir auf der Hauptpiste bleiben, bis uns das Navi zur Kleinstadt Tsagaanchuluut führte.

Hier mal ein Anblick der Haupttrasse, die von der russischen Grenze bis Altai führt.

Die Wellblechpisten sind ein ewiges Gerüttel im Auto. Entweder ich fahre sie langsam (das ist schon kaum auszuhalten, meistens geht es mit max. 15 km/h über die Bahn) oder ich geb Gas und rausch mit  50 - 60 oder mehr km/h drüber - das ist erst recht nicht auszuhalten und, wenn man das nächste Schlagloch o.ä. nicht sieht, der reinste Horror. Deshalb also die langsame Nebenpiste, denn dort gibt es zwar zum (kleineren) Teil auch Wellblech, aber dem kann man eher ausweichen.

Hinter Tsagaanchuluut verließ uns das Navi, die weitere Piste war nicht vorhanden. So stellten wir das Navi auf Luftlinie um und versuchten, uns nach der Himmelsrichtung zu orientieren, was beim häufigen Richtungswechsel der Piste nicht ganz einfach ist.

Dann passierte das, wovor wir uns immer fürchteten: Uns erwischte ein Gewitter mit viel Regen und Hagel. Wir hatten immer Furcht davor, dass die verregneten Pisten nur noch rutschig sein würden. Doch weit gefehlt: Unsere Furcht erwies sich als unbegründet. Es ging genauso gut wir vorher.

Zum Abend fanden wir dann einen Stellplatz in 2000 m Höhe, absolut einsam. Es waren nur der Wind, Vogelgezwitscher und Insektengesumme zu hören. Sonst nichts, kein Vieh, kein Auto, kein Moped, kein Mensch weit und breit. Nur nach dem Schlafengehen noch ein kleines Gewitter (das rummste nicht schlecht und die Blitze kamen auch massenhaft vom Himmel).

Mittlerweile hatten wir eine trockene Halbwüste erreicht. Links von uns Berge, rechts waren die Sanddünen der Mongol Els zu sehen - und seit Ewigkeiten auch wieder das erste Auto mit Menschen.

Diese Menschen, eine mongolische Nomadenfamilie mit drei kleinen Mädchen beim Umzug, waren mehr als froh, uns zu sehen, denn sie steckten mit ihrem LKW in einem kleinen morastigen Tümpel fest. Wie sie da rein gekommen waren - keine Ahnung. Aber den verwaschenen Spuren nach zu beurteilen, haben sie dort mindestens eine Nacht, wenn nicht sogar länger, verbracht. Nachdem wir sie rausgezogen hatten, baten sie uns, sie noch den nächsten Hügel mit mulligem Sand (wir kamen dort gerade herunter) hinauf zu ziehen, da ihr Auto das nicht schaffen würde.  So taten wir ihnen auch noch diesen Gefallen.  

Es ging weiter nach Himmelsrichtung. Anbei ein paar Bilder von der Landschaft und den Aussichten. Das erste Mal sahen wir auch einen Viehtreck, bei dem bepackte Kamele dabei waren. Vielleicht gehörten sie zu der mongolischen Familie, wir wissen es aber nicht.

Mittlerweile stellt sich heraus, dass das Navigieren nach Luftlinie bei den immer wieder verschwenkenden Pisten nicht so ganz einfach ist - wir wussten schlichtweg nicht mehr, wo wir wirklich waren. Doch wir versuchten, anhand der Luftlinenangaben zu errechnen, wo wir sein könnten. Die Ursache war ein Fluss, der uns die Weiterfahrt versperrte. Aufgrund der letzten Gewitter (Vermutung), war das Wasser nicht mehr glasklar, sondern sehr sandig und damit undurchsichtig. Das Gebiet sah auch nach Sumpf aus. Wie wollten kein Risiko eingehen und so kurvten wir gut drei Stunden und ca. 30 km hin und her, bis wir endlich eine Furt entdeckten. Doch diese war versperrt; ein Kleinlaster, beladen mit 6 Pferden, steckte im Wasser fest. Der Fahrer winkte mich gleich heran, ich solle durchfahren, um ihm zu helfen. Es wäre auch nicht tief.

Doch ich war vorsichtig, entledigte mich der Schuhe, Socken und Hose und machte mich erst einmal selber auf den Weg. Das Wasser war wirklich nur ca. 60 cm tief, der Grund war steinig, ebenso bei der nächsten kleineren Durchfahrt und so machte ich mich auf den Weg, dem nächsten Mongolen aus einer misslichen Lage zu befreien und 6 Pferde vor dem Ertrinkungs- tod zu retten.

Wir wollten noch bis zur Kleinstadt Jagalan und da die 'Pferdefamilie' auch in diese Richtung wollten, führten sie uns über diverse Pisten zu dem Ort, den wir weiter gen Westen verliessen. Nach ein paar weiteren Kilometern fanden wir an einem kleinen Stausee einen Schlafplatz.

Am Morgen bekamen wir einen kurzen Besuch einer Mongolenfamilie auf dem Moped,  danach machten wir uns wieder auf den Weg. Als Wegweiser nutzten wir eine Stromleitung, da nach unserer Erfahrung diese auf den nächsten Ort zugehen würde. Teilweise ging die Piste weg von der Stromleitung, was uns allerdings nicht interessierte. Das Land war auch außerhalb der Piste ziemlich eben, so dass wir uns eine eigene Piste schufen. Links waren die Berge und rechts die Dünen sichtbar. Zwischendurch gingen die Leitungen und auch die Piste durch ein Flussbett. Dadurch wurde die Fahrt zwar sehr holperig und langsam, aber unterm Strich bereitete das auch keine weiteren Probleme.

Bei einem der vielen Fotostops kam eine in der Nähe wohnende Familie auf dem Moped angefahren, um zu schauen, was da für ein Auto steht. Nach ein paar Minuten der Konversation (mongolisch/deutsch) ging es weiter.

Nach der Mittagspause die nächste Überraschung: Ein Hund fraß am Kadaver eines verendeten Tieres und rundum saßen diverse Geier und warteten auf ihren Einsatz.

Weiter ging es durch die trockene Halbwüste mit ihren Lichtspielen durch Sonne und Wolken, immer grob Richtung Westen.

Nach Stunden der einsamen Fahrt durch eine eintönige Steppe (zwischendurch mussten auch mal gut 20 km Wellblechpiste überstanden werden) sahen wir in einiger Entfernung zwei Autos. Und die Insassen sahen uns - und wedelten mit T-Shirts, um uns auf sich aufmerksam zu machen. Sie saßen mit dem Van fest im Tiefsand und brauchten Hilfe. Oskar ließ sich nicht lange bitten und war schon am Buddeln. Da wir ja Allrad haben, war die Bergung kein Problem, wir spannten den MAN davor und zogen das Auto den Berg auf dem lockeren Sand den Hügel hinauf.

Der Fahrer des Kleinlaster war so schlau, die erste Tiefsandpassage außen herum auf dem festen Untergrund zu umfahren, bog dann aber doch zu früh auf die Sandpiste ein. Es kam, wie es kommen musste: Er fuhr sich dermaßen fest, dass wir ihn nach vorn nicht mehr heraus bekamen. Also mit dem MAN hinter ihn, nach hinten herausgezogen und anschließend ebenfalls den Berg hoch. Und schon wieder hatten wir ein paar Mongolen glücklich gemacht.

Während wir Männer am Arbeiten waren, hatten die Frauen nebenbei auch ihren Spaß - sie standen mit Brigitte in einem Kreis und waren viel am Lachen. Leider gibt es davon kein Foto.

Da es mittlerweile schon nach 18:00 Uhr war und wir aufgrund der letzten Wellblechpiste keine Lust mehr zum Fahren hatten, nahmen wir die nächstbeste Gelegenheit war und stellten uns etwas abseits zum Feierabendbier in die Steppe.

Wir hatten die Nacht unweit der Stadt Khekhmorit verbracht. Direkt vor dem Ort eine Gebetsstelle. Der schneebedeckte Berggipfel soll uns noch die nächsten Stunden begleiten.

Eigentlich ist die Stadt wie jede andere in der weiten Steppe oder Wüstenlandschaft auch - trostlos. Und man fragt sich immer wieder: Wovon leben die Menschen hier?.

Doch dieses Mal war es etwas anders: Das Naadamfest war schon am Laufen. Zumindest für das Pferderennen wurde vorbereitet. Direkt am Ort gab es eine ZIellinie und in weiter Ferne konnten wir die Reiter mit ihren Pferden auf dem Weg zum Start (den wir nicht sehen konnten) beobachten. Je nach Pferd (Alter/Geschlecht) konnte die Rennstrecke bis zu 35 km lang sein.

Bis zum Eintreffen der Pferde wollten wir nicht warten. Wir machen uns weiter auf den Weg, dieses Mal Richtung Süden zur Stadt Darvi. Wir folgten nur bedingt der angezeigten Luftlinie des Garmin, da wir in erster Linie der vorhandenen Stromleitung nachfuhren mit der Gewissheit, dass uns diese nach Darvi bringen wird (was auch der Fall war). Die ca. 50 km breite Hochebene nennt man hier Sharga-Depression. Eine der Besonderheiten ist, dass hier noch Restbestände der mongolischen Saiga-Antilope leben soll. Und diese sahen wir in weiter Ferne.

Die Saiga-Antilopen sind sehr scheue Tiere. Sie laufen in so einem rasanten Tempo, dass man sie kaum vor die Linse bekommt. Zumindest nicht aus der Nähe. Irgendwann konnte sich Brigitte mit dem 300'er Tele, aus einer Senke heraus, an ein einzelnes Tier heranpirschen. Trotzdem ist es nur schwer erkennbar.

Kurz danach erreichten wir Darvi, von dieser Stadt gibt es nicht viel zu erzählen; ebenso trostlos wie viele andere auch. Wir kauften noch etwas Brot und Trinkwasser und machten uns weiter auf den Weg nach Khovd. Die erwartete ausgebaute Teerstraße ließ noch 30 km auf sich warten. 

Diese Straße führte durch ein breites Tal, linkerhand Strommasten und Berge, rechter Hand das Tal. Wir entdeckten viele Winterbehausungen der Nomaden mit Unterstellplätzen für ihr Vieh. Alles in allem relativ trostlos.

Am nächsten Tag kamen wir nach Khovd. Kurz einkaufen, tanken und eine Möglichkeit suchen, um wieder Wasser fassen zu können. Dies ist in Ortschaften eigentlich kein Problem, denn viele Menschen sind hier nicht am örtlichen Wassernetz angeschlossen (sofern überhaupt vorhanden) und holen ihr Wasser an örtlichen Pumpstationen. Doch diese fanden, wir nicht, dafür sahen wie eine Mongolin, die ihren Vorhof wässerte. Auf Nachfrage durften wir Ihren Anschluß nutzen und den Schlauch in unseren Tank halten. Es wurde noch eine Frau aus der Nachbarschaft geholt, die sich mit uns auf englisch unterhielt. Natürlich waren alle neugierig, wie das Auto von innen aussieht.

Es ging an diesem Tag noch 40 km gen Norden, einen ruhigen Schlafplatz an einem Fluss suchen. Leider bekamen wir dieses Mal Besuch in Form von Mücken, Mücken, Mücken, Fliegen und anders Insektengetier. Wir lasen erst zu spät im Reiseführer, dass es sich um ein Mücken verseuchtes Gebiet handelt. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Arno und Nicole (Freitag, 10 Juli 2015 18:37)

    Jetzt erstmal einen schönen Gruß Oscar! Ohne seine buddelhilfe hättet ihr den Wagen bestimmt nicht frei bekommen.
    Toller Hund.
    Wir verfolgen euch weiter.

    Arno und Nicole

  • #2

    Iris und Maik (Freitag, 10 Juli 2015 21:20)

    Hallo ihr Drei,

    schön von euch zu lesen. Vielleicht solltest Du ADAC Servicewagen auf den Donnerlaster schreiben; -). Denke bitte bei Bergungsarbeiten auch an Deine Kupplung, nicht das sie verbrennt und du auch festsitzt!
    Wir sind seit Gestern am Nordkap und planen für den 15.07.15 die Einreise nach Russland. Aber nur die Linie Murmansk/Sankt Petersburg und dann in die Baltischen Länder. Der Sternwanderer läuft gut, weiterhin gute Fahrt für Euch.
    Liebe Grüße, Iris&Maik

  • #3

    Oliver (Samstag, 11 Juli 2015 07:52)

    Moin Peter,
    da habt Ihr euch ja ein paar Flügel verdient bei den ganzen Rettungsaktionen :-),
    das ist aber genau das, was da "draussen" zählt, ausserdem machst Du eine gute
    Figur mit dem kurzen Höschen im Fluss. Lach.
    Grüße aus der Werkstatt , sind fast mit dem Steyr fertig, Ralf wird schon ungegeduldet,
    Lars, Horst,Sven + Oliver

    Grüße von hier auch an den M.B. / Sternenwanderer Iris & Maik

  • #4

    Gabi & Manfred (Sonntag, 12 Juli 2015 12:00)

    Endlich, endlich...schaffe ich es euch zu schreiben!
    Ich hab schon ein paar mal mitgelesen (Manfred auch) aber irgendwie nie Worte hinterlassen...
    Es ist total schön...virtuell mit euch zu reisen. Was für atemberaubende Gegenden!
    Tolle Bilder und Berichte - schön, dass es euch gut geht!
    Was für ein Glück, dass ihr einen DONNERlaster für Rettungszwecke habt, tolle Sache! Hut ab!
    Wir brechen am Freitag Richtung Süden auf! Wir lesen uns !
    https://unimogpunktisunterwegs.wordpress.com
    Liebe Grüße Gabi&Manfred

  • #5

    Silvia (Sonntag, 12 Juli 2015 19:40)

    Hallo ihr Zwei,
    das Peter ein gutes Herz hat das weiss man ja, aber das er so oft es anwenden muss
    Respekt! Lach
    Aber das ist Abenteuer pur was ihr ja wolltet. Davon könnt ihr euren Enkeln vor dem
    Kamin schöne Geschichten erzählen und Fotos zeigen ich ziehe den Hut vor soviel
    Mut.
    Liebe Grüße von Andreas & Silvia