Entlang der afghanischen Grenze

Die Nacht war ruhig – wer soll hier schon in der Nacht auf der Piste vorbeikommen?

An Höhe verlieren – das war das Einzige, was uns primär interessierte. Die Landschaft wurde wieder interessanter, nicht mehr die in den letzten Tagen erlebte Hochgebirgswüste. Auf allen Bilder, auf denen ihr in den folgenden Berichten den Fluss Pamir sehen könnt, ist auf der linken Seite immer Afghanistan – diese Grenze begleitete uns, gemeinsam mit dem Pamir, auch in den nächsten Tagen noch.

Dann, endlich, sahen wir das erste Mal wieder Bäume und das Dorf Layngar. Wir hatten die 3000 m erreicht.

Der Ort machte einen sehr positiven Eindruck auf uns. Auf dieser Höhe wurde Landwirtschaft betrieben und die Bauern brachten die Ernte ein. Wenn wir vorbei fuhren, fielen wir wohl auf, denn viel Menschen hörten für einen Moment auf mit ihrer Tätigkeit, es wurde von allen Seiten (auch von uns) gewunken. Die Menschen machten einen noch offeneren Eindruck auf uns als wir es in den vorherigen Ländern kennen gelernt hatten.

Die Piste führte von Dorf zu Dorf. Ließen der Fluss und das Gebirge es zu, wurde das Tal landwirtschaftlich bearbeitet – und überall nur freundliche Menschen. Seht einfach selber:

Brigitte war fasziniert von der Sanddünen, die zwischendurch immer wieder zu sehen waren. Der Grund ist der viele Sand, den der Fluss im Frühling bei der Schneeschmelze mit sich führt. Jetzt, zur Herbstzeit, hatten sich Sandinseln gebildet, die von starken Winden immer wieder verweht werden und deshalb die Dünen bilden.

An diesem Abend fanden wir dann einen Platz in unmittelbarer Nähe. Und nur noch 2630 m hoch – wir fühlten uns mittlerweile etwas besser, aber noch sehr schlapp.

Hier ein paar Dünen-Impressionen

Wir ließen uns Zeit. Bei Brigitte wurden die gesundheitlichen Probleme weniger. Bei mir traten sie erst später auf, aber dafür ging es mir heute ebenfalls nicht besonders gut.

Während Brigitte mit Oskar unterwegs war (und die Fotos von der Dünenlandschaft geschossen hatte), bekamen wir Besuch. Ich war gerade mit dem Abwasch fertig, als es klopfte. Vier Soldaten mit Kalaschnikow über den Schultern standen vor der Tür und wollten wissen, wer wir waren und was wir dort, nur unweit des Grenzflusses, taten. Nach Kontrolle meines Passes und meines Hinweises, dass wir 'Tourist von Germania' seien, waren sie beruhigt. Aber neugierig doch, denn zwei von ihnen waren sofort bereit, auf meinen Vorschlag hin das Auto zu besichtigen.

Nach einem Abschiedsfoto machten sie sich anschließend wieder auf, um weiter die Grenze zu kontrollieren

Gegen Mittag machten wir uns wieder auf den Weg. Wir wollten nicht weit – nur weiter runter.

Unterwegs gab es noch kleine Überreste einer verfallene Burg zu besichtigen. Und dass der Herbst so langsam kommt, merkt man anhand der Vegetation auch.

Die Piste, zwischendurch geteert (allerdings in einem Zustand, dass man sie weiterhin als Piste bezeichnen konnte) ging, wie am Vortag, immer wieder durch Dörfer und landwirtschaftlich genutzte Felder. Teilweise wurde das Getreide durch Überfahren mit einem Traktor, dahinter einen Baumstamm, gedroschen. Auch mit Ochsen, immer im Kreis, wurde gedroschen. Bei uns undenkbar, hier an der Tagesordnung.

Ebenfalls war es nicht ungewöhnlich, dass mit einem Ochsengespann gepflügt wurde. Dass die Kartoffeln per Hand geerntet wurden, überraschte auch nicht mehr. Allerdings waren die Felder so klein, dass Maschinen nicht eingesetzt werden konnten. Wir hatten allerdings auch gesehen, dass das Getreide (mit der Sichel geschnitten und in Bündel zusammengestellt) mit einer kleinen Maschine hinter einem Traktor gedroschen wurde.

Zwischendurch immer wieder wundervolle Felsformationen

Auf einmal standen wir wieder vor einem Schlagbaum. Auch hier nahm ein Soldat unsere Daten auf. Bevor der Schlagbaum geöffnet wurde, musste der Koffer noch inspiziert werden. Dieser Soldat kam nicht darüber weg, was er sah. Zuerst einmal probierte er den Wasserhahn aus – in den Dörfern kennen die Menschen kein fließend Wasser – und die Touristen hatten das sogar im Auto! Sogar Toilette und Dusche vorhanden. Er konnte es nicht begreifen und erzählte es erst einmal den umstehenden Einheimischen.

 

Kurz hinter dem Schlagbaum hielten wir noch einmal an, auf einmal stand dieser Vater mit seiner Tochter neben dem Auto. Es sprach mich an, ich verstand leider nichts. Dann schenkte mir das Mädchen zwei Äpfel. Ich bedankte mich mit ein paar Bonbons und da die beiden nicht gerade nach viel Geld aussahen, holte ich einen der Säcke mit Kinderkleidung herunter. Das Mädchen hatte noch zwei Geschwister und so gaben wir ein paar Hosen, Jacken und T-Shirts für die Kinder weiter. Die Freude war den beiden anzusehen. Die Mutter allerdings hielt sich im Hintergrund und traute sich nicht heran. Der Vater forderte uns auf, gleich nebenan, neben seinem Haus, zu stehen und zu übernachten. Hätten wir uns drauf eingelassen, wären wir vielleicht noch zum Essen eingeladen worden. Doch aufgrund unserer Magenprobleme und dem nicht so attraktiven Platz verzichteten wir und fuhren dann winkend weiter um etwas später einen besseren Platz zu finden. 

Den fanden wir kurz danach - in einer kleinen Senke unterhalb der Piste. Es dauerte nicht lange und wir sahen weitere vier Grenz-Soldaten. Auch bei ihnen erregten wir Aufmerksamkeit. Doch sie kontrollierten uns nicht, sondern erklärten jemandem per Funk, was sie entdeckt hatten. Nach kurzer Zeit gab es wohl Entwarnung (nur ein paar deutsche Touristen) und sie machten sich weiter auf ihren Weg.

Am Vormittag wurden unterwegs noch ein paar Tomaten gekauft, die drei Äpfel dazu bekamen wir geschenkt. Und dann erreichten wir die Stadt Chorog. Unsere Hoffnung, einen gut bestückten Supermarkt zu finden, zerschlugen sich mal wieder. Dafür genehmigten wir uns in einem Restaurant einen Teller Gulasch, spazierten einmal über den Markt und machten uns weiter auf den Weg.

In Chorog endete die Nebenstrecke und wir gelangten wieder auf den Highway – aber von besserem Straßenbelag konnten wir nur träumen.

Nach ca. 30 km fanden wir auf einer Wiese an einem Dorfrand einen Platz, direkt neben dem Fußballplatz. Kühe waren hier verstreut angepflockt – sie wurden gegen Abend nach und nach abgeholt.

Wir saßen in den letzten Sonnenstrahlen vor dem Auto und beobachteten einen Hund, der sich ca. 250 m von uns entfernt aufhielt. Aber irgendwie sah der Hund komisch aus und wir dachten schon, es sei ein Fuchs. Doch für einen Fuchs war er zu groß und zu grau – sollte das ein junger Wolf sein? Nein, dass kann nicht sein, nicht hier, direkt beim Dorf. Wir hatten leider nur das Fernglas heraus geholt und nicht die Kamera mit dem Tele – schade.

Mittlerweile kam die Dorfjugend zum Fußballspielen Der Kleinste durfte nicht mitspielen, höchstens den verschossenen Ball holen. Da wir in unserem Kleiderfundus auch ein paar Fußballschuhe hatten, schenkte ich dem Jungen diese. Damit war er jetzt der King unter den Kindern – aber mitspielen durfte er immer noch nicht. Zwar waren ihm die Schuhe noch zu groß, aber stolz trug er sie auf dem Nachhauseweg an uns vorbei.

Wir beschlossen, noch einen Tag länger zu bleiben.

Tja, und hier ging es uns richtig gut. Am ersten Abend noch kam der Bauer auf dem ersten Bild: Er brachte uns eine Tüte mit Äpfeln, am nächsten Vormittag gab es von ihm ein paar Aprikosen und Tomaten. Der Bauer erzählte uns mit Blick auf Oskar, dass es hier einen Wolf gäbe und fragte, ob wir ihn gesehen hätten. Damit war uns klar, dass wir mit unserer Vermutung Recht hatten.

 

Etwas später kam ein anderer, alter Bauer mit seinen zwei Kühen. Er erzählte uns einiges in seiner Sprache, es störte ihn nicht, dass wir überhaupt nichts verstanden. Dabei zog er zwei Äpfel und zwei Tomaten aus seinen Taschen – aus einer Tomate schaute ein dicker Wurm heraus. Auch er berichtete uns von dem Wolf, der wohl aus dem Gebirge gekommen wäre.

 

Dann ging es weiter: die junge Mutter mit ihren drei Töchtern kamen und brachten uns eine Tüte mit Äpfeln und ein paar Walnüssen.

 

Am frühen Nachmittag kam eine ganze Familie an – die Frauen wollten unbedingt den Wagen von innen betrachten. Die Mutter kam nicht darüber weg, dass wir über fließend Wasser, einer Toilette und Dusche verfügen Sie war hin und weg – und die Töchter sowie der Ehemann ebenfalls. Auch von dieser Familie gab es eine Menge Äpfel.

 

Am frühen Abend brachten uns zwei junge Männer einen Topf mit Suppe. Einer von ihnen konnte etwas Englisch und erklärte, dass heute 'Tag des Moslems' wäre. Kaum waren sie da, kam der Alte wieder – dieses Mal mit Äpfeln und Birnen.

 

Kaum waren sie weg, trat der erste Bauer auf uns zu – ein Teller Plov (das Lieblingsgericht in allen zentralasiatischen Republiken, Hammelfleisch mit Möhren, Zwiebeln und gelben Erbsen auf Reis) in der Hand. Dieses Gericht ließen wir uns zum Abendessen schmecken.

 

Am nächsten Vormittag war der Alte wieder da – die Kühe wurden gebracht und er griff ein wiederholtes Mal in die Taschen – zwei Birnen und ein paar Walnüsse kamen zu Tage.

Auf unserem Weg weiter entlang der afghanischen Grenze sahen wir einige Buswarte-häuschen – so schöne hatten wir auf der bisherigen Reise noch nicht gesehen.

Hier zwei zur Ansicht (das waren die einzigen, die wir ohne wartende Menschen fotografieren konnten).

Und immer wieder der Grenzfluss mit wunderschönen Felsen in etlichen Variationen und häufig wechselnden Farben – ein schönes Naturschauspiel.

Am Samstag morgen gab es Probleme. Wir hatten einen Stellplatz direkt hinter einem Dorf gefunden. Immer mit Blick auf den Grenzfluss nach Afghanistan – anders ist es hier auch nicht möglich. Wir wollten in ein paar Minuten starten, als wieder vier Soldaten in Begleitung zweier Zivilisten ankamen. Die Zivilisten entpuppten sich im Nachhinein ebenfalls als Polizisten.

Wir erklärten wie üblich, dass wir Touristen aus Deutschland wären und hier nur geschlafen hätten. Das reichte denen aber nicht, sie wollten alles mögliche kontrollieren. Einer der Polizisten sah sich auch die Fotos an und verlangte, dass ich alles, was mit der Grenze zu tun hätte, löschen sollte. Auch die Bilder von Afghanistan. Nachdem ich 2 Bilder gelöscht hatte, reichte es mir und ich machte ihm ganz deutlich klar, dass ich das nicht mehr tun würde, legte die Kamera ins Fahrerhaus und schloss die Türen ab.

Das ganze stand kurz davor zu eskalieren. Ein Soldat, der den Wagen von innen inspizierte, meinte allen Ernstes zu Brigitte, dass er den Hund haben wollte. Doch Brigitte erklärte ihm ebenfalls  ganz deutlich, es wäre ihr Hund und nicht seiner.

Zwischendurch telefonierten die Polizisten und ein Soldat und dann machte man uns klar, wir sollten weiterfahren. Der Polizist, der die Bilder gelöscht haben wollte, zeigte mit dem Daumen nach oben, dass jetzt alles gut wäre. Doch da wurde ich ganz böse und habe ihn auf deutsch beschimpft. Zum Glück konnte er das nicht verstehen. Doch sein Verhalten hat mir einen großen Teil des Tages richtig versaut, so ärgerlich war ich darüber.

Immer wieder kamen uns jetzt große LKW entgegen, auch in unsere Richtung waren viele unterwegs.. Sie fahren regelmäßig von Dushanbe über den Pamir-Highway Richtung China. Es waren auch einige LKW mit chinesischen Kennzeichen dabei. Sie alle quälen sich über diese schlechte Piste. Wir schafften einen Schnitt von 15 - 18 km/h, die LKW waren noch langsamer.

Am Abend fanden wir dann wieder einen Platz am Fluss wo auch sonst?. Hier auf dieser Strecke gab es nichts anderes. Nach kurzer Zeit kamen die beiden Schweizer, Yves und Laura, an. Sie hatten uns entdeckt und stellten sich unweit von uns entfernt dazu.

Es dauerte nicht lange und wieder waren ein paar Soldaten da. Wir sollten weg, an der Grenze zu Afghanistan dürften wir nicht stehen bleiben. Auf Nachfrage von Yves meinte einer, dass die Afghanen über den Fluss hinweg auf Touristen schießen würden. Über diese Antwort konnten wir nur den Kopf schütteln. Wir versuchten ihnen zu erklären, dass wir das nicht glauben würden. Und wo sollten wir denn sonst stehen? Die Grenzstrecke ist ca. 1000 km lang und wenn man mit den Womos nirgends stehen dürfte, dann harmoniert das nicht mit der Erstellung des Permits für den Highway. Nach einiger Telefoniererei verschwanden die Soldaten und wir verbrachten eine ruhige Nacht. Keine Kugel kam angeflogen.

Wir glauben, alle Soldaten wollten sich nur wichtig machen. Und entscheiden konnten sie nichts allein, jedes Mal fragten sie per Funk oder Telefon bei den Vorgesetzten nach. Brigitte und ich haben keine Angst vor diesen Soldaten bzw. Polizisten – und wir zeigten ihnen jedes Mal, dass sie uns nicht beeindrucken konnten - es sei denn, sie waren freundlich zu uns.

Zum Abschluss füge ich hier ein paar Bilder von der Afghanischen Seite ein. Das Leben der Bauern und Hirten dort scheint sich nicht besonders von dem der Tadschiken zu unterscheiden. Vereinzelt ist die Kleidung etwas anders.

Nachdem wir anhielten, um die Fotos zu machen, winkten wir ihnen zu. Und meistens wurde auch zurück gewunken.

Man beachte die Arbeiter, die im Berg einen neuen Pfad einarbeiten - unglaublich und bei uns undenkbar.

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