Das größte Abenteuer unserer Reise

Am Donnerstag, morgens um 04:00 Uhr, war das Taxi pünktlich vor unserem Wagen. Ich wollte ja nach Tashkent zur Turkmenischen Botschaft, um unsere Visa abzuholen.

Die Taxifahrt war das größte Abenteuer, dass ich bisher auf dieser Reise zu bewerkstelligen hatte. Es kam der Taxifahrer, mit dem ich den Preis ausgehandelt hatte. Aber nicht er fuhr, sondern sein Bruder (hier sind wohl alles die Brüder, ob leiblich oder nicht, jeder scheint als sein Bruder vorgestellt zu werden). Da der Preis so günstig war, musste ich aber gestatten, dass er noch andere Leute mitnehmen könnte. Na ja, dagegen hatte ich nichts.

Aber wie funktioniert so etwas in Uzbekistan? Ich dachte, er wüsste schon, welche Fahrgäste mitkommen, doch weit gefehlt. Erst einmal ging es an den Stadtrand. Dort ist ein allgemeiner Knotenpunkt für Fahrgäste. Kaum kam ein Auto angefahren, liefen alle 'Taxifahrer' hin, um einen weiteren Fahrgast zu suchen.

Nach gut 10 min. kam mein Taxifahrer und forderte mich auf, in ein anderes Taxi umzusteigen. Ich bekam dann irgendwie mit, dass dieser Fahrer sowieso nach Tashkent fahren müsste. Und nach einer weiteren Wartezeit fanden sich dann noch 3 Mitfahrer und um 04.45 Uhr ging es endlich los. Es waren noch 300 km bis zu meinem Ziel. Die Strecke in einem Zustand, dass wir vor einer Wochen keinen hohen Schnitt hatten. Dazu viele Dörfer.

Es war noch dunkel und der Fahrer beschleunigte auf 120 km/h. Das Fernlicht wurde nicht zum Ausleuchten der Straße benutzt, wozu auch, immerhin schien der Fahrer ja zu wissen, wo die Schlaglöcher sich befanden. Das Fernlicht wurde zum Morsen genutzt. Irgendwann begriff ich, was der Fahrer den vor ihm Fahrenden sagen wollte: mach bitte Platz, ich bin schneller, ich will weiter, du bist mir im Wege.

Das ganze wurde durch Betätigen des linken Blinkers weiter verstärkt, unterstützt durch die Zuhilfenahme der Hupe.

Und wenn mal kein vorausfahrendes Fahrzeug zu sehen war, wurde dem Gegenverkehr etwas zugemorst – doch das konnte ich nicht entziffern. Ich verstand einfach nicht, was der Fahrer den anderen sagen wollte. Aber die müssen ihn verstanden haben, denn sie morsten zurück.

Schilder zur Geschwindigkeitsbegrenzung und Ortseingangsschilder standen auch nur zur Zierde am Straßenrand und da der Fahrer vermutlich wusste, was da drauf stand, wurden diese überhaupt nicht weiter beachtet. Allerdings war dafür auch keine Zeit vorhanden, denn der Abstand zu den Vorausfahrenden musste so kurz wie möglich gehalten werden. 5 m bei Tempo über 100 km/h waren viel zu viel, es musste noch dichter heran gefahren werden.

Aber nicht nur das: der Fahrer unterhielt sich mit einem der Fahrgäste, der ganz leidlich Englisch sprach und mir erklärte, dass der Fahrer sein 'Brother' wäre. Und da die Fahrt ansonsten zu sehr langweilte, verbrachte der Fahrer viel Zeit mit telefonieren. Wenn er nicht selbst irgendwo anrief (man beachte: früh morgens), wurde er angerufen. Eine Fernsprecheinrichtung? Was ist das denn. Nein, das Telefon wurde ans Ohr gehalten. Eine Hand reichte ja zum Lenken, Schalten, Blinken, Aufblinken und Hupen.

Aber es ging alles gut und wir kamen tatsächlich schon um 8:15 Uhr bei der Botschaft an. Während ich wartete, schlief der Fahrer erst einmal in seinem Auto.

Dann gab es die ganz große Hiobsbotschaft: die Visa waren nicht fertig.Wir hatten bei Beantragung 2 Formulare auszufüllen gehabt. Auf einem wurde gefragt, welche Strecke wir fahren wollen, was wir auch so beantwortet hatten. Doch das wollte keiner wissen, wir hätten nur 'Transit' aufschreiben müssen. Und aus diesem Grunde wurden die Anträge nicht weiter bearbeitet. Unsere Formulare musste ich noch einmal ausfüllen.

Ich war total sauer und auf meine Frage an den Botschafts-Angestellten, er hätte doch das Formular nach Abgabe durchgeschaut und weshalb er die Antwort nicht als Fehler bemängelt, teilte er mir mit: das war kein Fehler, aber heute würde eine andere Antwort erwarte als letzte Woche. Deshalb nur noch das Wort 'Transit'.

Er machte mir aber Hoffnung, dass wir noch rechtzeitig zum 1.11. die Visa bekommen würden. Dazu solle ich am 31. bei ihm anrufen, er wolle mir dann (sofern die Anträge positiv entschieden) die Visanummern geben und dann würden diese an der Grenze ausgedruckt und in die Pässe geklebt werden können.

Dass das so möglich ist, hatte ich schon von anderen Erzählungen gewusst. Die Frage war aber: sind die Visa rechtzeitig bearbeitet und positiv beschieden?

Das gleiche Problem hatten übrigens noch ein paar andere Reisende, die ich beim Warten vor der Botschaft kennen gelernt hatte.

Um 10:30 Uhr stand ich wieder vor meinem Taxifahrer und jetzt begann die Fortsetzung meines morgendlichen Abenteuers. Sowieso stinksauer musste ich jetzt erfahren, dass es noch lange nicht nach Samarkand ging. Jetzt bekam ich erst mit, dass der Fahrer noch einiges in Tashkent zu erledigen hatte, um dann um 13:00 Uhr noch ein junges russischen Pärchen (die beiden sprachen auch Englisch und sie sagte mir unterwegs, sie kämen aus Sotschi und sie wolle sich mit ihrem 'Brother' Samarkand ansehen) vom Flughafen abzuholen. So war meine Taxifahrt nicht geplant, aber aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse konnte ich das ganze dem Fahrer nur schwerlich erklären, was ihm allerdings auch vollkommen egal war.

Wir hatten geplant, aus zeitlichen Gründen spätestens gegen 15:00 Uhr nach meiner Rückkehr noch einige Kilometer Richtung Khiva zu fahren, dem nächsten Ziel auf der Seidenstraße und nicht weit weg vom Grenzübergang nach Turkmenistan. Aber wir kamen erst fast 2 Stunden später an - nach einer Fahrt, die der vom Morgen sehr ähnelte, mit dem Unterschied, daß es hell war.

Brigitte war mittlerweile auch schon mit den Nerven am Ende. Da ich nicht wie vorgesehen am frühen Nachmittag zurück war, hatte sie sich auch Gedanken gemacht und vieles befürchtet. So rechnete sie damit, evtl. keine Visa zu bekommen und ich würde jetzt im Gefängnis sitzen, da ich bestimmt den Botschaftsangestellten umgebracht hätte (was ich auch fast hatte tun wollen).

Die ganze Fahrt war mir aufgrund der verspäteten Heimkehr keine 200.000 SUM wert und ich gab deshalb dem Fahrer nur 150.000 SUM. Damit war dieser allerdings nicht einverstanden und forderte den Rest ein. Deshalb bat ich die beiden Russen, als Übersetzer zu fungieren. Darauf hin stellten sie fest, dass der Fahrer an dieser Fahrt wohl sehr gut verdient hätte, denn auch ihnen wollte er gutes Geld abnehmen. Doch nachdem sie drohten, ihren Preis auch zu reduzieren, ließ er mich in Frieden und verschwand mit seinen anderen Fahrgästen.

So machten wir uns dann noch um 17:00 Uhr auf den Weg. Die Strecke nach Khiva war zu lang, um es an einem Tag zu schaffen. Und obwohl ich total kaputt war (die vorherige Nacht bekam ich kein Auge zu), fuhren wir noch über 3 Stunden, davon die 2 letzten in Dunkelheit. Die Fahrt war nicht unbedingt ein Zuckerschlecken, da die Strecke zum großen Teil sehr miserabel war und teilweise von Schlaglöchern überseht. Unser Vorteil war nur, dass wir ja eine Woche vorher schon einmal auf diesem Weg waren und vorsichtshalber damals schon Stellplätze notierten. So kamen wir dann nach über 170 km an einen Platz auf einen Feldweg an (kurz hinter der Stadt Navoij), machten noch einen Gang mit Oskar und wurden von 3 Männern in einem Kleinwagen begrüßt.

Dieser Wagen kam mitten in der Nacht noch einmal vorbei. Wir wachten davon auf, dass Autotüren klappten und die Hupe getestet wurde.

Und damit dieser Blog nicht ohne Bilder ist, zeige ich noch abenteuerlich bepackte Fahrzeuge, denen wir mal wieder begegnet sind. Es gab unterwegs noch mehr, aber nicht immer bekamen wir die Kamera schnell genug hervor.

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